Ich umarme das Leben. Alles darf sein.

Dieser Text sitzt mir schon seit meiner ersten Woche in Sedona in den Fingerspitzen. Jetzt ist er reif.

Ich wusste, dass ich mich auf dieser Reise vor allem auf eine innere Reise begeben würde. Ich wusste allerdings nicht, dass sie so intensiv wird. So bin ich gleichzeitig überrascht und bestätigt. Sedona schleust mich durch ein scheinbar eigens für mich angefertigtes Bootcamp. Wow!

Dafür bin ich dankbar, denn dafür bin ich hergekommen. UND im täglichen Auf und Ab vergesse ich das auch manchmal. Und oft ist der Schmerz nur dann schmerzhaft wenn wir uns selbst dabei vergessen. Erinnere Dich. Du bist immer da. Immer unverletzt und heil. Erinnere Dich.

In meiner ersten Woche in Sedona habe ich unzählige wunderschöne Wanderungen unternommen. An einem meiner ersten Tage saß ich nach einem längeren Aufstieg hoch oben auf einem Felsen. Ich bin etwas abseits des offiziellen Weges gewandert und habe ein einsames Fleckchen zum Inne halten gefunden.

Als ich dort ankam, lag zu meiner Überraschung auf einem Stein genau mittig des Plateaus eine Sonnenbrille. Eine schöne Sonnenbrille. Eine Sonnenbrille – wie sich herausstellen sollte – die mir ausgesprochen gut steht ☺. Zwei Wochen zuvor hatte ich zu meiner Tante in San Francisco gesagt, dass ich unbedingt eine neue Sonnenbrille brauche. Wir haben allerdings bei unseren Shoppingunternehmungen keine gefunden.

Jetzt schien die Sonnenbrille mich zu finden.

Die Brille hatte eine Schraube locker, deswegen wurde sie wohl zurückgelassen. Als ich meiner Freundin Luciana am nächsten Tag von meinem Fund erzählte, schmunzelte sie nur und erzählte mir, dass ihr Mitbewohner gestern ein ganzes Set dieser kleinen Schrauben gekauft hatte und wir reparierten die Sonnenbrille damit am nächsten Tag.

Diese Geschichte ist nur als kleine Randnotiz gedacht, um einen Einblick zu geben in die täglichen magischen Momente, die hier in Sedona am Wegesrand (und ab der gängigen Wege) auf jeden warten.

Ich setze mich also mit meiner neuen Sonnenbrille auf einen der Steine und blicke in die Ferne. Die Landschaft raubt mir immer wieder aufs Neue den Atem. Sedona hatte mich großzügig in empfang genommen. Ich habe direkt eine tolle Bleibe gefunden, habe wunderbare Menschen kennengelernt, darf jeden Tag durch die schönste Landschaft streifen und jetzt habe ich zusätzlich noch eine neue Sonnenbrille geschenkt bekommen.

Wie ich so dasitze und in die Ferne blicke überkommt mich eine große Traurigkeit. Ich bin nicht verwundert, ich habe sie die letzten Tage schon kommen gespürt, wollte aber nicht hinschauen und habe sie subtil und „scheinbar“ ohne sie wirklich wahrzunehmen beiseite geschoben.

Aber jetzt ist sie da. Überall. Sie lässt sich nicht mehr wegschieben – zum Glück.

Wieso bin ich traurig. Ich durchforste meinen Geist. Schleichen sich da irgendwelche negativen Gedanken rum? Im ersten Moment kann ich nichts finden – also sitze ich einfach in der Traurigkeit.

Es ist so spannend. Ich habe es bei mir selbst beobachtet und weiß, dass wir es alle zu einem gewissen Grad tun. Wir wollen unangenehmes vermeiden. Bloß nicht das negative spüren.

Hasten deswegen so viele von uns durchs Leben – immer irgendwie auf der Flucht?

Als ich dort so sitze und beginne die Traurigkeit anzunehmen und anzuschauen, passiert etwas Wunderbares. Nämlich erst mal gar nichts.

Wir sind so oft auf Vermeidungskurs mit negativen Gefühlen und Situationen und dann wenn wir uns doch einmal hinein trauen, müssen wir feststellen, dass es da erst mal gar nichts gibt, wovor man flüchten müsste.

Wenn wir ein Gefühl, einen Zustand oder eine Situation einfach mal so sein lassen, wie sie ist, das bedeutet wir gehen nicht mit dem was wir erfahren in den Widerstand oder versuchen es zu verändern, dann genau in diesen Momenten entsteht auf einmal Wandel.

Wandel entsteht ohne unser zutun. Er geschieht, wenn wir beginnen zuzustimmen. Paradox nicht wahr? Und irgendwie genial, findest Du nicht auch?

Ich sitze also mit meiner Traurigkeit auf dem Felsen und lasse sie einfach erst mal sein. Wie gut sich das anfühlt. Es ist so, als würde der Geist, der die ganze Zeit davor weggelaufen ist, zur Ruhe kommen. Ich kann sogar spüren, wie sich der innere Energiefluss verändert. Für mich fühlt es sich so an, als würde die Energie wieder zur Quelle (also in mich hinein) zurückfließen anstatt sich wahllos im außen zu verstreuen. Es fühlt sich sehr gut an.

So oft, wenn negative Gefühle in unserer Wahrnehmung auftauchen ist unser erster Impuls sich bloß wieder besser zu fühlen. So wie davor. Was wir oft nicht sehen, ist dass die Quelle unseres Wohlbefindens aktiviert wird, wenn wir in das negative Gefühl eintauchen. Eintauchen ohne uns darin zu verlieren. Eintauchen, um ganz bewusst hindurch zu schwimmen.

Jetzt beginne ich ein bißchen mit der Traurigkeit zu spielen. Ich nutze meine Wahrnehmung um – wie beschrieben – ganz in die Traurigkeit einzutauchen. Ich merke auf einmal wie ich scheinbar – ganz einfach – in sie hinein und aus ihr heraus zoomen kann. Wie als würde ich meinen Kopf ins Wasser stecken und ihn dann wieder herausziehen.

Ich kann die Traurigkeit anschauen und ich kann den Blick von ihr abwenden – wie als würde ich vom Spiegelbild auf einmal auf mich selbst zurückblicken – und die Wahrnehmung selbst anschauen. Oder sagen wir es so, ich kann den Blick auf das Gefühl lenken oder auf das, was das Gefühl wahrnimmt.

Ich springe hin und her. Rein und raus. Wie als würde ich zwischen zwei Sendern im Fernsehen hin und her wechseln.

Und auf einmal wird es sehr klar und erfahrbar: Ich bin nicht traurig. Ich bin das, was die Traurigkeit wahrnimmt. Und ich kann mich entscheiden, die Traurigkeit zu sehen oder eben nur mich selbst – und in diesem zweiten Betrachten verschwindet die Traurigkeit auf einmal. Da bin dann nur noch ich. Pures sein. Ohne schnick schnack.

Mir wird auch sofort klar, dass diese Freiheit gerade nur entstehen konnte, weil ich nicht mehr gegen die Traurigkeit gekämpft habe. Weil sie da sein durfte. In diesem da sein dürfen ist eine Art Distanz entstanden zwischen der Traurigkeit und mir.

Ich würde sogar noch weitergehen und sagen, dass ich dadurch, dass ich nicht mehr mit der Traurigkeit identifiziert war, sie erst ganz annehmen konnte. Denn kann man wirklich etwas annehmen, das man selbst ist? Oder schließt sich das nicht eigentlich aus? Der Gedanke ist neu für mich. Und er ist auf einer gewissen Ebene sehr schlüssig.

Denn wenn ich etwas annehme, dann ist da das, was ich annehme und dann ist da das, was annimmt. (Spür da einmal rein – jetzt in diesem Moment. Da ist das, was Du wahrnimmst und dann ist da das, das wahrnimmt.)

„Ich“ bin dann irgendwann wieder von meinem einsamen Fels hinuntergeklettert. Weiterhin im Spiel von rein und rauszoomen. Ich habe mich so viel leichter gefühlt obwohl gleichzeitig die Traurigkeit immer noch spürbar war.

Unten angekommen bin ich ins Auto gestiegen, wo mich auf einmal eine Welle Dankbarkeit durchströmte. Ich war dankbar für meine Traurigkeit. Es war berührend. Ich war berührt.

Das schöne an dieser Erfahrung war, dass sich all diese Gefühle gelöst und gewandelt haben ohne dass ich es „verstehen“ musste. Ohne dass ich es benennen musste. Fast so, als wäre ich nicht beteiligt gewesen. Ich war einfach nur (da).

Ich habe einfach alles umarmt, was sich gezeigt hat

und bin auf einmal durch diese Umarmung nicht mehr die Traurige gewesen,

sondern bin die Umarmende geworden.


P. S. Ich hatte die Idee ein Webinar anzubieten, wo wir genau das üben: Einem Gefühl/einer Situation/etc. wirklich zu begegnen und es in dieser Begegnung zu wandeln. Falls das für Dich gerade relevant ist und Du diesen Zugang gerne ausprobieren und anwenden möchtest, schreibe mir eine kurze Nachricht mit dem Thema/Gefühl/etc., das Du dafür auswählen würdest.

photocredits Lina Trochez