Tod der Perfektion

Der Tod der Perfektion ist nah. Zum Greifen nah.

Die Perfektion kann nämlich in einem bestimmten Umfeld nicht überleben. Ihr Zweck und Sinn kommen sekundenschnell zum Erliegen: Beim Anblick der Vollkommenheit.

Auf einmal scheint ihr der Atem zu stocken und alle Überlegenheit – wie aus einem Luftballon – aus ihr zu weichen.

Pffffffff. Flatsch.

 

Es gibt somit einen erstaunlich einfachen Weg, dem endlosen und anstrengenden Streben nach Perfektion ein schnelles und gnadenloses Ende zu machen: Beginne die Vollkommenheit in allem zu sehen.

Das geht ganz leicht und Du wirst Freude daran haben. Denn Du selbst bist aus Vollkommenheit gegossen. Und sind wir nicht hier, um uns gegenseitig daran zu erinnern?

Du bist immer vollkommen. Du bist immer vollkommen und doch niemals fertig.

Es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen Perfektion und Vollkommenheit. Die Perfektion besteht auf ein endgültiges, fertiges Idealbild (so auch die Definition laut Duden und anderen Wörterbüchern).

Perfektion entsteht gleichzeitig mit dem Glauben an Mangel, an Mangelhaftigkeit und Unzulänglichkeit. Nur wenn ich irgendwie davon überzeugt bin, mangelhaft und nicht gut genug zu sein, strebe ich nach Perfektion.

Mangel ist sozusagen das Ei aus dem die Perfektion schlüpft. Kein Ei. Kein Huhn.

Perfektion ist die Nachahmung der Vollkommenheit, denn sie versucht in einer für die mangelhaften Welt Vollkommenheit zu erzeugen. Du siehst schon, dass ist ein unmögliches Unterfangen. Das ist so, als würdest Du den Glauben daran, dass Du nicht gut genug bist festhalten und gleichzeitig versuchen, zu beweisen, dass Du es doch bist.

Kann man machen. Machen wir auch fast alle – die gesamte Zeit. Aber Du siehst ja, wohin das führt. Endloses Streben. Nie Ankommen. Burn out. Erschöpfung. Resignation.

Doch lasst uns für einen Moment dieses Bestreben der Perfektion anerkennen. Denn man könnte sagen, ihr Motiv ist rein. Sie ist nur völlig auf dem Holzweg.

Es ist immer dienlich einen zugewandten und liebevollen Blick auf sich selbst zu richten. Ein wertschätzender Kontext ermöglicht es uns, die Perfektion anzunehmen. Sie in ihrem Streben nach Wahrheit anzuerkennen.

Einer Wahrheit in dessen Existenz sie sich selbst aufgeben müsste.

Die Perfektion spielt ein Spiel, das sie nicht gewinnen kann. Seien wir heute gnädig und entlassen sie daraus.

Entlasse Dich somit auch selbst aus einem Spiel, das kein Ende nehmen wird außer Du setzt ihm ein Ende. Nimm die Perfektion einen Moment in den Arm und erkenne ihre endlosen Bemühungen an.

Dann kehre ihr mit einer unerschütterlichen Bestimmtheit den Rücken zu. Du hast keine Zeit für halbe Wahrheiten. Du hast keine Zeit, Deine Zeit zu verschwenden in einem Spiel, das sich nie und nimmer ausgeht.

Wenn Perfektion nach Vollkommenheit strebt. Dann nimm doch gleich die Vollkommenheit. Wozu Umwege gehen? Wieso nicht den direkten Weg?

Beginne Alles als Ausdruck von Vollkommenheit zu betrachten. Beginne mit der Perfektion. Liebe Dich und erkenne die Vollkommenheit in Deinem mühseligen Streben nach Perfektion.

Erkenne die Vollkommenheit in allem, was nicht perfekt scheint.

Werfe Deine Idealbilder über Bord und beginne den nackten Moment zu sehen. Begegne Dir und den Erfahrungen, die Du machst mit einer unendlichen Unvoreingenommenheit. Sehe die Vollkommenheit in jeglicher Form von Existenz.

Beginne bei Dir und weite es auf alle Menschen aus, denen Du begegnest. Erkenne es in jedem Wesen, ja in jeder universellen Regung.

Erkenne die Vollkommenheit in jedem Entwicklungsschritt.

Da nichts niemals fertig ist. Da alles ständigem Wandel unterliegt, sehe die Vollkommenheit in jeder Phase der Transformation.

Kennst Du den Moment, wo Du Dich an eine vergangene Situation zurückerinnerst, in der Du Dich z. B. traurig oder verletzt gefühlt hast. In der Du Angst hattest, nicht wusstest, wie Du weitermachen sollst?

Manchmal frage ich mich dann, was ich meinem früheren Selbst wohl gewünscht hätte. Und ich komme immer wieder zur gleichen Antwort. Mal klingt sie so, mal eher so. Doch im Grunde vermittelt sie diese Botschaft:

Meine Liebe, einatmen ausatmen. Alles wird gut. Du bist genau richtig, da wo Du bist. Alles wird sich fügen. Mach Dir keine Sorgen. Nimm Dich in den Arm und liebe Dich genau jetzt, genau hier. Genau so, wie Du jetzt bist.

Rückblickend können wir oft so viel mehr Güte und Verständnis aufbringen. Wie wäre es, sich dieses Wissen zu Nutze zu machen? Wie wäre es, wenn wir uns aus der Zukunft diese Botschaft schicken?

Dein früheres Ich existiert genauso in diesem Moment, wie Dein jetziges Ich. und auch alle zukünftigen Versionen Deiner Selbst sind in diesem Moment existent. Denn es gibt nur diesen Moment. Es gibt nur das Jetzt. Deswegen muss auch alles jetzt schon vorhanden sein. Alles existiert bereits.

Wozu also einer „perfekteren“ Vorstellung und Version von Dir selbst nacheifern, wenn sie eh schon existent ist? In dem Verständnis der Gleichzeitigkeit aller Kreation kann das Konzept der Perfektion unmöglich weiter bestehen – falls es gerade irgendwie versucht sich ungesehen an der Vollkommenheit vorbei ans sichere Ufer zu retten J.

Wenn jede Version von mir bereits jetzt existent ist, dann kann ich doch ganz einfach die Version lieben, die sich mir in diesem Moment zeigt.

Ich könnte diesen jetzigen Ausdruck meiner Vollkommenheit in unendlicher Liebe ertränken. So lange bis sich jegliches Konzept darüber, wer ich bin, auflöst.

Letzte Woche habe ich ein kurzes Interview einer Frau gesehen, die ihre Vollkommenheit auf einmal erkennt und sieht, wie sie schon immer vollkommen war (Sehr empfehlenswert). Sie sagt am Ende des Interview einen Satz, der mich sehr berührt hat und etwas in mir wach gerufen hat. Er geht in etwas so:

Ich habe realisiert, dass ich keine Vorstellung von mir selbst haben muss, bevor ein Moment eintrifft. Ich muss im Vorhinein nicht wissen, wer ich bin. 

An der Stelle, wo die Perfektion versucht eine Situation durch das Idealbild zu formen und zu kontrollieren. An dieser Stelle kommt die Vollkommenheit und erlaubt es sich, bewusst jegliche Vorstellung von sich selbst abzulegen.

Sie erlaubt es sich, der Vollkommenheit des Moments zu begegnen. Nackig, voller Urvertrauen, als hätte es noch nie etwas Unvollkommenes gegeben.

Und das wünsche ich Dir heute, dass Du mit Dir selbst nackig sein kannst. Dass Du es dir erlaubst Dich ganz zu sehen. Egal in welchem Licht Du Dich zeigst.

Du bist vollkommen. Immer.

Madlen