blog_bild_traum

Der Traum der seine Chance suchte

Ich sitze im Zug nach München und meditiere. Ich versuche mich nicht von dem lauten Gebläse, das sich nicht abstellen lässt, ablenken zu lassen.

Ok. Ganz in die Wahrnehmung eintauchen. Dieses Gebläse. Man echt! Oh Mist, wieder einem Gedanken gefolgt. Ok. Zurück in die Wahrnehmung.

Ich nehme gerade online an einem Retreat teil. Uns wurde ans Herz gelegt, dass wir diese Woche ganz uns selbst widmen. Dass wir es einmal ausprobieren, ob wir alle Dinge, die wir zu tun haben, für eine Woche ruhen lassen können und einfach unseren Impulsen zu folgen.

Ich denke mir, klar, im Großen und Ganzen wäre das möglich. Aber ein paar Dinge MUSS ich machen z. B. den Blogtext für Mittwoch schreiben.

Ich sitze im Zug. Jetzt wäre eine gute Gelegenheit den Text zu schreiben, dann kann ich mich nachher wieder auf das Retreat konzentrieren.

Aber ich habe gerade einfach keine Lust. Ich meditiere weiter. Die Inspiration bleibt aus.

Manchmal da fließt es. Ich kenne das. Da purzeln die Wörter nur so aus mir heraus. Es braucht vielleicht 45 Minuten. Dann steht der gesamte Text. Es ist fast so, als schreibe ich gar nicht selbst, sondern nehme ich mich eher beim Schreiben war.

Diese Momente lassen sich nur nicht erzwingen. Sie lassen sich durchaus hervorbringen, aber sie hören nicht auf MUSS. Mehr noch: MUSS ist der wohl sicherste Weg, sie Dir vom Leib zu halten.

Stuttgart. Ich steige um.

Setzte mich in ein 6er-Abteil und hoffe, dass ich es für mich alleine behalten kann. Kurz vor Abfahrt setzen sich dann noch zwei ältere Herren zu mir ins Abteil. Na gut, dann halt nicht.

Ich versuche weiter zu meditieren. Dann huscht mir eine Idee durch den Kopf, ich klappe den Laptop auf und fange an zu schreiben. Nach fünf Zeilen stoppt der Schreib-Fluss und die Idee gefällt mir schon nicht mehr ganz so gut. Der Mann mir gegenüber beginnt ein Telefonat. Auch das noch:

“Hallo, ja. Ich wollte mich unbedingt bei Dir melden. Ich sitze gerade im Zug nach Ulm.

Weißt Du noch, Du hast doch früher immer zu mir gesagt, dass man im Leben noch mal ganz neu anfangen kann. Dass man nochmal alles anders machen kann.”

Meine Ohren werden größer. Jetzt ist  mein Interesse geweckt.

“Ich bin gerade auf dem Weg nach Ulm, um mich als Lokführer bei der Bahn zu bewerben. Ja, das ist eine 11-monatige Umschulung.

Weißt Du, mein Opa war Lokführer! Und ich war früher als Kind immer auf dem Bahnhof gewesen und habe ihnen zugesehen.

Als Kind wollte ich immer Lokführer werden.”

Eine kurze Pause. Der andere spricht wohl. Ich kann kaum erwarten, wie die Geschichte weiter geht.

“Na weißt Du, dann hat man halt die Schule weitergemacht und dann studiert und dann haben alle gesagt, als Lokführer verdient man nichts und hat miese Arbeitszeiten. Ja und damit war der Traum dann ad acta gelegt.

Als dann mein Job bei HP zu Ende war, bin ich echt in ein Loch gefallen. Ich dachte zwar ich bin vorbereitet. Aber weißt Du, zu wissen, was kommt und es dann zu durchleben, das sind zwei unterschiedliche Dinge. Wissen ist nicht gleich Erfahren.

Das mit dem Ende des Jobs, das war wirklich wie eine Scheidung oder ein Todesfall. Da brauchte ich erst mal Zeit, um das zu verarbeiten.”

Ich öffne ein neues Word-Dokument und tippe die Details des Telefonats mit, damit ich ja nichts vergesse. Ich fühle mich, wie im Klassenzimmer des Lebens und dadrüben sitzt mein Lehrmeister und erzählt detailgetreu die wichtigen Bausteine seiner Geschichte. Faszinierend. Wie eine Anleitung zum Nachempfinden und Nachmachen.

“Ja genau. Dann habe ich diese Ayurveda-Kur gemacht. Die hat mir auch noch einmal sehr geholfen. Danach ging es mir dann deutlich besser.”

Ich schaue mir den Mann am Telefon genauer an. Er war also bei einer Ayurveda-Kur. Interessant. Das hätte ich jetzt nicht vermutet. 

“Und dann im letzten Jahr war ich bei der Berlinale gewesen und da bin ich so viel S-Bahn und U-Bahn gefahren und habe immer die Lokführer gegrüßt und mich gewundert, was ich denn da eigentlich mache. Und dann, dann hat es auf einmal in mir klick gemacht und ich wusste:

Da war noch ein Traum in mir, der gerade seine Chance sucht.”

Die Verbindung bricht ab. Ich bin berührt. Ich will dem Mann gerne sagen, wie toll das ist. Aber warte noch ab.

“Ja, hier bin ich wieder. Ich sitze doch gerade im Zug. Ja.

Wer hätte das gedacht, dass ich als Ingenieur nochmal Lokführer werde.

Uglaublich…”

Ein paar Minuten später erreichen wir Ulm Hauptbahnhof. Das Gespräch ist gerade zu Ende und der Mann packt seine Sachen zusammen. Im Verlassen des Abteils, verabschiedet er sich. Anstatt Auf Wiedersehen, erwidere ich viel Erfolg.

Der Mann guckt mich etwas verdutzt an und verlässt das Abteil. Ich beginne die Geschichte aufzuschreiben.

In diesem Moment erinnere mich, an die Aufgabe vom Retreat, dass ich alles ruhen lassen soll, bis ich den Impuls in mir spüre, einer Sache nachzugehen. Ich bin verblüfft und entzückt zugleich. Das war ja wiedermal ein Meisterstück des Lebens, das mir hier serviert wurde.

Eine Erkenntnis vertieft sich in mir: Es nie zu spät für einen Traum. Denn Träume suchen immer wieder ihre Chance. Dieses Bild finde ich wunderbar und ich freue mich, dass ich es heute mit Dir teilen darf.

Die zweite Erkenntnis ist die, dass das Leben (ohne unser zutun) fließt. Ich äußere diese Idee und dieses Prinzip immer wieder in verschiedenen Ausführungen. Oft sage ich, das Leben ist für Dich oder Du kannst Dich ganz dem Fluss Deines Lebens anvertrauen.

Du kannst also auch Deinen Träumen vertrauen, dass sie Dich nie ganz verlassen werden. Was – um Gottes Willen – kein Anlass sein sollte, sie hinauszuzögern. Ganz im Gegenteil: Wenn unsere Träume eh nicht verschwinden, kümmern wir uns am Besten gleich um sie.

Das Leben lässt uns nicht im Stich. Es führt uns auf wundersame Weise immer mehr zu uns selbst. Und auf GENAU diese wundersame Art und Weise habe ich GENAU dieses Prinzip, im doppelten Sinne, gerade eben im Zugabteil erleben dürfen.

Ich staune…

…und beschließe, mich nicht länger gegen das Leben zu sträuben. Ich beschließe meine Meinung aufzugeben, wie bestimmte Dinge zu geschehen haben. Das Leben hat nun so oft unter Beweis gestellt, dass es in jeglichen Lebenslagen eine viel einfachere und gleichzeitig genialere Lösung kennt, als mein Verstand.

Und obendrauf, war das bis jetzt der aller schnellste Blogtext! Nicht, dass es darauf unbedingt ankommt und doch ist es erstaunlich, wie mühelos und leicht, sich das Leben wie von selbst erschafft und wir dieses Wunder miterleben dürfen – wenn wir aufhören, uns dagegen zu sträuben.

Weniger Sträuben und mehr Staunen. Ja, dafür entscheide ich mich.

Deine Madlen