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Waschanleitung für den Reisepass – Teil 2

Meine nächste Trainingseinheit zum Thema Drama-or-no-Drama fand an einem Freitag im Konsulat in Sydney statt, wo ich meinen Reisepass nach erfolgreicher Beantragung in Brisbane nach fünf Arbeitstagen abholen sollte. Am Montag geht unser Flug auf die Philippinen. Kein Problem, dachte ich mir.

Ich legte meinen Abholschein vor und bekam nach kurzem Warten mitgeteilt, dass mein Pass noch nicht fertig sei.

„Wie, noch nicht fertig? Aber ich sollte ihn heute abholen? Ich fliege am Montag!“

Die Frau verschwindet noch einmal. Sie kommt wieder.

„Das tut mir wirklich sehr leid. Da muss in Brisbane ein Fehler passiert sein. Ihr Antrag ist heute erst bei uns eingetroffen und ich habe noch keine Passermächtigung aus München und darf Ihnen somit keinen Pass ausstellen.“

In München war es gerade Mitten in der Nacht. Mir laufen die Tränen die Wange runter.

Das darf doch alles nicht wahr sein. Ich bin traurig.

Die Dame hinterm Schalter kommt jetzt vor in den großen Wartesaal zu mir.

„So, wissen Sie was wir jetzt machen. Wir schreiben direkt an München. München ist in der Regel sehr schnell im Ausstellen der Passermächtigung. Wenn alles gut geht, dann können Sie den Pass am Montag früh abholen und direkt in den Flieger steigen.“

Das beruhigt mich etwas. Aber die Tränen laufen weiter.

Sie müssen wirklich nicht weinen. Ich antworte, dass es der Schock sei und dass ich einfach sehr nah am Wasser gebaut bin.

„Ach ja, das verstehe ich. Ich bin da genau so.

Und wissen Sie, was Sie machen. Jetzt informieren Sie sich einmal, ob sie den Flug umbuchen können. Weil in der Regel, lässt sich dafür ja immer eine Lösung finden. Umbuchen, Neubuchen. Es ist nicht der Weltuntergang.“

Sie hat Recht. Einatmen. Ausatmen.

„Und wissen Sie was das wichtigste ist? Dass Sie sich ihr Wochenende in Sydney jetzt nicht verderben lassen. Genießen Sie ihre Zeit hier. Klären Sie das mit ihrem Flug, genießen Sie das Wochenende und dann sehen wir am Montag früh weiter.“

Oh, was für ein Segen diese Frau ist. Tränendrüsen sind jetzt eindeutig heruntergefahren.

Ich verlasse das Konsulat und setze mich in den Park. Einatmen ausatmen. Dann schreibe ich dem Kreisverwaltungsreferat in München eine Mail, um noch einmal zusätzlich die Dringlichkeit der Passermächtigung zu betonen.

Ich beruhige mich immer mehr. Ok, jetzt habe ich alles getan, was geht. Einatmen. Vertrauen. Die Preise für einen neuen Flug auf die Philippinen sind auch ganz in Ordnung. Ausatmen.

Am Abend gehen wir mit einer Freundin etwas Essen. Ich gebe noch einmal meine morgendliche Konsulatserfahrung zum Besten. Jetzt kann ich schon etwas drüber lachen.

Um ca. 19 Uhr gehe ich kurz nach draußen. Es ist jetzt kurz nach 9 Uhr in München. Da ist im KVR sicher schon jemand am schaffen. Ich rufe an.

„Hallo, hier spricht Madlen Petzsche. Ich hatte Ihnen eine Mail geschrieben bezüglich der Passermächtigung für Sydney.“

„Ja, Madlen Petzsche? Ja. Ich habe Ihnen schon geantwortet. Die Passermächtigung habe ich gerade eben an das Konsulat in Sydney geschickt.“

Was?!? Juhu. Erleichterung! Ich werde diesem Mann, sobald ich in Deutschland bin, Pralinen schicken! So viel ist sicher.

Ich genieße das Wochenende in Sydney.

Als ich das erste Mal zum Konsulat gegangen bin, habe ich in einer Seitengasse ein süßes Cafe entdeckt. Philip, mein Freund, und ich entscheiden, am Montag dort frühstücken zu gehen, bevor das Konsulat öffnet.

Das hat zur Folge, dass ich an diesem Montagmorgen das wohl beste Schokocroissant esse, dass ich je gegessen habe. Ich bin im Himmel. Ich bringe der Dame aus dem Konsulat auch eins mit.

Im Konsulat komme ich direkt dran. Sie macht den Pass fertig. Überreicht ihn mir und sagt. „Aber diesmal nicht waschen!“ Wir lachen beide.

Philip ruft ein Uber. Das Auto kommt. Wir fahren los. Wir werden genau zwei Stunden vor Abflug am Flughafen sein. Erstaunlich, wie sich diese Geschichte genau auf die Minute ausgeht.

Wir plaudern mit dem Uber-Fahrer. Es stellt sich heraus, dass er zeitgleich mit uns in Chiang Mai sein wird. Er war schon oft dort. „Schreibt mir eine Mail, dann zeige ich euch die Stadt. Ich kenne mich gut aus.“

Und so hat ein gewaschener Reisepass dafür gesorgt, dass wir pünktlich zum Flieger kamen, dass ich eine wunderbare Erfahrung mit Menschen machen durfte, die sich alle für mich eingesetzt haben, dass ich das weltbeste Schokocroissant gefunden habe und dass wir nun einen persönlichen Travelguide in Chiang Mai kennen.

Mal wieder einen perfekten Umweg genommen. Mein Vertrauen ist gestärkt. Ich umarme das Leben.

Deine Madlen

P.S. Hier ein Beweisfoto und ein zuverlässiges Mittel, um jeden noch so mürrischen Flughafenbeamten zum Lachen zu bringen!

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