Waschanleitung für den Reisepass – Teil 1

Es gibt diese Momente, in denen ein – im ersten Moment – unscheinbarer Gedanke weitreichende Auswirkungen haben kann.

Es war die erste Woche unserer dreimonatigen Reise und Jade, die Freundin bei der wir in Australien übernachteten, kam mit einem Wäschekorb in unser Zimmer. „Falls ihr Wäsche habt, schmeißt sie einfach oben in den Korb. Ich wasche es dann später.“

Super. Ich kramte sofort alles hervor, was in die Wäsche sollte. Als ich eigentlich schon fertig war und den Korb rausstellen wollte, fiel mein Blick auf meine Fließjacke. Hmmm. An sich ist die ja noch nicht wirklich dreckig, aber schaden würde es ihr auch nicht. Ich schmiss sie oben auf den Kleiderkorb.

Der Jacke hat es tatsächlich nicht geschadet, meinem Reisepass, der in der Jackentasche steckte, allerdings schon. Doch das wusste ich in diesem Moment ja noch nicht.

Am Abend kam Jade in unser Zimmer. „Äh, schaut mal.“ Sie hält ein seltsames Knäul in der Hand. „Ich glaube das war wohl nicht für die Wäsche gedacht.“ Ich erkenne noch immer nicht, auf was ich da überhaupt schaue – was für den Grad des „Schadens“ spricht, den mein Reisepass erlitten hat.

„Das laminierte ist noch ok, aber der Rest ist relativ zerstört.“ In meinem Gehirn verschalten sich die Synapsen. Das Knäul in Jades Hand ist mein Reisepass.

Ich springe auf. Oh s*$%^!t

Ich muss vor Schock lachen. So was habe ich ja noch nie gesehen. Ich bin amüsiert über meine Tolpatschigkeit. Das war mal wieder eine typische Madi-Aktion. Direkt zu Beginn der Reise mal den Reisepass zerstören.

Einige Tage später und nach einem Telefonat mit dem Konsulat in Sydney sitze ich heulend da und gebe mich meinen dramatischen Gedanken hin.

Vorläufiger Reisepass. Passermächtigung. Original Geburtsurkunde. Ahhhh wie, was und wo kriege ich das alles her?!?!?! Und die Frau am Telefon meinte, ich kann damit eventuell nicht in alle Länder einreisen… Bestimmt muss ich die Reise abbrechen. (Dramatische Gefühle durchsprudeln meinen ganzen Körper, Tränen fließen meine Wange hinunter).

Oh man Madi, du bist wirklich so blöd, so unfähig. Toll, wie du das wieder hinbekommen hast… (Mehr Gefühle, mehr Tränen.)

Ich renne zu Philip und weine mich erstmal aus. Er nimmt mich in den Arm und sagt ein paar sehr weise Worte zu mir. Innerlich schmunzelt etwas in mir. Ich weiß, dass ich mich gerade in ein Drama hineinsteigere und dass ich es auch wieder beenden kann. Denn ja der Reisepass ist hin und ja, ich habe noch genügend Zeit, eine Lösung zu finden.

Wir müssen beide etwas lachen. Ein Teil in mir will aber noch etwas dramatisch sein, will noch nicht so schnell aufgeben. Ok, durchatmen. Es sind nur Gedanken. Jetzt in diesem Moment ist alles ist gut.

Meine Aktion hat Konsequenzen, die nehme ich an. Ich stoppe das Drama und beginne mich mit den Tatsachen zu beschäftigen: In den kommenden Wochen beschaffe ich alle Unterlagen: Passbilder, Geburtsurkunde (Scan geht nämlich auch!), Visabestätigungen etc.

Geht doch. Ohne Drama, sogar ganz leicht. Wozu erschaffe ich dann aber eigentlich das Drama? Bevor ich überhaupt genau weiß, wie ich die Situation lösen kann? Vielleicht, damit die Arbeit jemand anders für mich macht?

Oh Erkenntnis: Im Drama werde ich ganz klein – ohnmächtig meinen Gefühlen ausgeliefert. Ohne Drama gehe ich in die Verantwortung und tue, was zu tun ist. Ah interessant! Gut, ich habe es verstanden!

Wusstest Du, dass das Leben ein großzügiger Lehrer ist? Es lässt Dich gewisse Übungseinheiten so lange trainieren, bis Du sie wirklich verstanden hast. Ja und selbst da hilft Drama nicht, drum herum zukommen ☺.

Meine nächste Trainingseinheit zum Thema „Drama-or-no-Drama“ fand an einem Freitag im Konsulat in Sydney statt, wo ich meinen Reisepass nach erfolgreicher Beantragung in Brisbane abholen sollte. Am Montag geht unser Flug. Kein Problem, dachte ich mir.

Das Leben hatte da aber noch eine weitere Prüfung für mich parat.

Mehr dazu kommende Woche!